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Die eigene Welt neu gesehen: Stadtfotografie

Eingetragen am 02.07.09 in Workshops von

Zoomin



Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah liegt? Nicht nur der Urlaub in fernen Städten bietet interessante Motive. Es lohnt sich durchaus, auch einmal vor der eigenen Haustür auf die Suche nach dem Außergewöhnlichen zu gehen. Schärfen Sie Ihre Aufmerksamkeit und verleihen Sie alltäglichen Motiven durch verschiedene Gestaltungsmittel eine neue Sicht.

Inhalte dieses Beitrages

Tipp 1: Motive vor der eigenen Haustür
Wer in den Urlaub fährt, fotografiert - neben den Liebsten und Sonnenuntergängen - am liebsten Dorf- und Stadtansichten. Es ist das Fremde, das Exotische, das uns reizt. Daheim gehen wir kopfschüttelnd an Touristen vorbei, die mit Kameras auf die Baudenkmäler und Häuserzeilen unserer Stadt zielen - während unsere Kamera zu Hause liegt. Diese Workshop-Folge will Sie ermutigen, Ihre Kamera - insbesondere, wenn Sie über eine kleine digitale Kompakte verfügen - auch an Ihrem Wohnort öfter mal mitzunehmen, das Außergewöhnliche vor der eigenen Tür ausfindig zu machen und durch neue Perspektiven zu frischen Bildern zu kommen. Neben dem Schärfen des Blicks in Bezug auf die alltägliche Umgebung geben wir Ihnen Tipps und Regeln an die Hand, wie, wann und mit welchen technischen Hilfsmitteln Sie Ihre unmittelbare Umgebung am wirkungsvollsten auf den Kamerachip bannen.

 

 

 




Tipp 2: Aufmerksamkeit schärfen
Es ist ein altbekanntes Muster: Wir "sehen" nur das, was uns das erste Mal vor die Augen gerät. Das alltäglich uns Umgebende ist irgendwann unserem Blickfeld gänzlich entschwunden. Will man sich fotografisch mit seiner nächsten Umgebung beschäftigen, setzt dies die Umkehrung dieses Wahrnehmungsmusters voraus. Schwerer gesagt als getan - eigentlich braucht man nur die Augen aufzumachen und bewusst neu hinzuschauen. Nutzen Sie Ihre alltäglichen Wege, zum Beispiel zur Arbeit, beim Einkauf oder bei einer Fahrradtour am Wochenende. Nicht nur architektonische oder stadtplanerische Highlights, sondern auch Nebensächlichkeiten können zu einzigartigen Motiven werden, wenn sie durch gezielte Wahl des Bildausschnitts in räumlichen Kontext zu anderen Nebensächlichkeiten gesetzt werden: Das freistehende Backsteinhaus zwischen modernen Glaspalästen; Baustellen, die Wunden in das Stadtbild reißen; Graffiti oder Plakate, die im Kontrast zum architektonischen Umfeld stehen oder Auskunft über die hier lebenden Menschen geben. Eine digitale Kompaktkamera ist kaum größer als Ihr Portemonnaie. Wenn Sie eine solche Ihr Eigen nennen, stecken Sie sie ebenso selbstverständlich ein - dann entwickeln Sie automatisch eine fotografische Sicht auf Ihre Umgebung. Und: Sparen Sie nicht an Aufnahmen. Im Gegensatz zu einem analogen Modell tut auch eine in Eile gemachte Digitalbildserie dem Geldbeutel nicht weh. Stimmt das Ergebnis nicht, so können Sie zumindest daheim in Ruhe analysieren, woran es lag - und beim nächsten Mal etwas mehr Zeit mitbringen.


Tipp 3: Standort und Perspektive
Welcher Standort der richtige für eine Aufnahme ist, hängt unmittelbar von der gewünschten Bildaussage ab. Beispiel Bauwerke: Möchten Sie ein bestimmtes Gebäude oder einen Platz "naturgetreu" festhalten? Dann ist es das Beste, Sie suchen sich einen Standpunkt, von dem aus Sie das Objektiv waagerecht zum Motiv ausrichten können - anderenfalls erscheinen die Bauwerke unten breiter als oben (so genannte "stürzende Linien"). Eine horizontale Ausrichtung ist aber nur möglich, wenn sich der Fotografierende ungefähr auf Höhe der Gebäudemitte befindet (was nicht immer machbar ist) und/oder ausreichend Abstand nimmt (wobei dann meist zuviel unerwünschter Vordergrund ins Bild kommt). Vorausgesetzt, Sie haben eine hinreichend große Auflösung gewählt, ist Letzteres allerdings kein Problem: Schon die Bildverarbeitungsprogramme, die den meisten Digitalkameras beiliegen, bieten in der Regel die Möglichkeit, das Bild nach der Aufnahme in wenigen und einfachen Schritten auf den gewünschten Ausschnitt zurechtzustutzen. Geht es Ihnen hingegen darum, ein Gebäude besonders imposant ins Bild zu rücken, kann der optische "Fehler" stürzender Linien sogar zum sinnvollen Stilmittel werden. Buchstäblich auf die Spitze treiben lässt sich dieser Effekt der extremen Froschperspektive, wenn Sie die Kamera auf den Boden legen und mit Selbstauslöser arbeiten. Allerdings sollten Sie vorab eine Belichtungsmessung auf den Motivmittelpunkt ausführen und, sofern Ihre Kamera darüber verfügt, per Messwertspeicherung fixieren - sonst droht das Hauptmotiv wegen des großen Anteils an Himmelslicht unterzubelichten. Auch das umgekehrte Vorgehen kann zu ausdrucksstarken Resultaten führen: Bei Aufnahmen aus der Vogelperspektive scheint der Betrachter über den Dingen zu schweben. Bei Sonnenlicht gilt: Seitenlicht nutzen, denn das betont die Formen und Umrisse des Motivs und verstärkt deren räumliche Wirkung.


Tipp 4: Mit Brennweiten experimentieren
Die Brennweite ist eines der wirksamsten Stilmittel in der Fotografie. Kurze Brennweiten verstärken nicht nur den Effekt der stürzenden Linien. Ebenso wie das flache Licht am frühen Morgen oder in den späteren Nachmittagstunden erzeugen sie auch ein Plus an räumlicher Tiefe. Objekte im Bildvordergrund erhöhen die Plastizität zusätzlich, ebenso wie die Betonung der so genannten linearen Perspektive: Häuserschluchten, Wege oder Straßenbahnschienen, die die gesamte Breite des Bildvordergrunds einnehmen und sich zum Horizont hin verjüngen. Wollen Sie Ihrem Motiv hingegen eine grafische Qualität geben, so ist der Einsatz langer Brennweiten vorteilhaft: Sie lassen Entfernungen optisch "schrumpfen", verdichten das Motiv und können durch die Konzentration auf Details wie Flächen, Farben und Strukturen eine impressionistische Wirkung entfalten. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass Digitalkameras konstruktionsbedingt einen sehr großen Schärfetiefenbereich aufweisen. Das ist zwar gerade bei Stadtaufnahmen oftmals ein Vorteil, kann sich aber nachteilig auswirken, wenn Sie nur eine bestimmte Bildebene durch Fokussieren hervorheben wollen. In diesem Fall sollten Sie extreme Brennweiten und große Blenden kombinieren und gegebenenfalls einen nahen Vordergrund einbeziehen.


Tipp 5: Monochrom heißt nicht monoton
Die urbane Welt ist farbig. Trotzdem (oder gerade deshalb) machen Schwarzweißaufnahmen in der Stadtfotografie Sinn: Sie reduzieren die Bildaussage auf das Wesentliche und lenken den Blick von der bunten Oberfläche auf das dahinter liegende Grundsätzliche, auf Grauschattierungen und grafische Strukturen der Architektur etwa oder das Agieren der Menschen innerhalb dieser. Im Gegensatz zu Aufnahmen mit analogen Kameras (bei denen schwarzweiße Prints inzwischen teurer sind als farbige) kostet Sie dieses Experiment bei Ihrer Digitalkamera nur einen Knopfdruck. Auch der Einsatz des Sepiafilters kann reizvoll sein: Er verleiht der Stadtszenerie die Atmosphäre historischer Aufnahmen. Wer es hingegen eher auf moderne Verfremdungen abgesehen hat, sollte die verschiedenen Farbfilter und Spezialeffekte seiner Kamera ausprobieren: Mit Blau- und Rotfiltern lässt sich die Bildaussage in Richtung einer kälteren oder wärmeren Anmutung lenken; Verfremdungs-Effekte wie "Solarisation" oder "Negativ" geben ihr einen modernen oder psychedelischen Touch. Auch wenn ihre Wirkung bei inflationärem Einsatz schnell verflacht: So mancher Wirklichkeitsausschnitt wird erst durch sie zum Motiv.

 




Tipp 6: Architektur bei Nacht
Aufnahmen bei Nacht und in der Dämmerung zählen zu den spannendsten Feldern der Stadtfotografie. Technisch sind sie indes nicht ohne Tücke. Hier einige Tipps: Schalten Sie den Blitz Ihrer Kamera ab - abgesehen davon, dass er die Szenerie nur wenige Meter ausleuchtet, zerstört er zugleich das, was Sie einfangen möchten: die Lichtatmosphäre. Keine Frage, ein Stativ bietet Ihnen den größten kreativen Gestaltungsspielraum. Doch auch wenn Sie unerwartet über ein tolles Motiv "stolpern", gibt es genug Alternativen. Während der atmosphärisch dichten Blauen Stunde etwa ist oft ausreichend Restlicht für das Fotografieren aus der Hand vorhanden - vorausgesetzt Sie bedienen sich im Zeitautomatik-Modus ("A") einer großen Blende und/oder erhöhen den ISO-Wert (Vorsicht: Ab ISO 400 ist das Bildrauschen in der Regel sichtlich, ab ISO 800 schon deutlich erhöht). Und selbst wenn das Tageslicht vollkommen entschwunden ist, kann man sich mit dem Platzieren der Kamera auf Mauern, Autodächern oder dem Boden behelfen und den Selbstauslöser nutzen. Angestrahlte Gebäude sind ein lohnendes Motiv, allerdings sollten Sie den Weißabgleich Ihrer Kamera auf "Kunstlicht" einstellen - ansonsten ist die Lichtatmosphäre futsch. Auch das Einbeziehen fahrender PKW (Lichtschlangeneffekt) oder von Fußgängern (Bewegungsunschärfe) kann zu spannenden Effekten führen.



Text: VVA Kommunikation GmbH
Bilder: Sebastian Drolshagen



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