






Superweitwinkelobjektive gehören nicht zur Normalausrüstung. Es locken keine Sets mit Kamera und Objektiv zu günstigen Paket-Konditionen. Die (Kauf-)Entscheidung für diesen spannenden Brennweitenbereich muss schon sehr bewusst fallen. Und da fragen sich zahllose Standardzoom-Besitzer: Lohnt sich das?
Eindeutige Antwort: Ja! Falls man eine Herausforderung annehmen möchte. Denn diese Brennweiten fordern erst mal, bevor sie mit eindrucksvollen Bildern belohnen. Mit 24 Millimetern gewinnt die Welt eine neue Dimension, was ganz wörtlich zu verstehen ist. Der breite Winkel bringt nur deshalb mehr aufs gleiche Format, weil die Gegenstände verkleinert abgebildet werden. Dadurch dynamisiert sich die Raumabbildung: Entfernte Objekte erscheinen relativ klein, nahe Objekte vergleichsweise groß. Mit "nah" ist ein Abstand zwischen 30 und 50 Zentimetern gemeint. Bereits aus etwa einem Meter Abstand lässt sich ein Erwachsener mit einem Superweitwinkelobjektiv von Kopf bis Fuß ins Hochformat setzen. Die typische und verblüffende Dynamisierung von groß nach klein passiert augenfällig im Nahbereich. Für schüchterne oder wenig agile Zeitgenossen sind Superweitwinkel also nur eingeschränkt zu empfehlen, falls Menschen zum bevorzugten Thema gehören.
Die gemächlich erscheinende Meereslandschaft von Beispielbild Nummer 1 erforderte ein gemietetes Boot, um die Location zu erreichen. Der Fotograf Per-André Hoffmann winkte dem Fischer zu, damit er sich näherte. Dabei musste er sein eigenes Boot so dirigieren, dass er im passenden Moment stehen konnte, um den Horizont unverkantet ins Bild zu setzen, ohne dass sein eigenes Boot mit aufs Bild kam. Kurze Brennweiten erfordern Gestaltungspräzision.
Doch bevor wir zu konkreten Kreativ-Tipps kommen, sollten wir den Brennweitenbereich definieren. Üblicherweise versteht man unter Superweitwinkel Brennweiten ab 24 Millimeter und kürzer. Der diagonale Bildwinkel beträgt bei 24 Millimetern 84 Grad. Der breite Erfassungswinkel bringt die Gefahr mit sich, dass sich schon bei geringer Verkantung der Kamera (Neigung gegen den Horizont) stürzende Linien heftig bemerkbar machen, vor allem an Gebäuden. Das Straßenkreuzerbild zeigt aber, dass sich stürzende Linien, hier in Verbindung mit dem Naheffekt, auch gestalterisch nutzen lassen. Hier wurde die Kamera minimal nach oben und nach rechts gekippt. Tipp: Bei vielen Kameras lässt sich im Sucher ein Gittermuster einblenden. Das hilft dabei, die Kamera ohne Stativ auszurichten.
Auf den bereits angesprochenen Naheffekt setzen Reportagefotografen, wenn sie eine Story in einem Bild erzählen wollen, Beispielbild 4 zeigt es. Menschen sehr dicht auf den Pelz zu rücken erfordert den Mut des Fotografen, aber auch kommunikatives Verhalten hinter der Kamera. Oft genügt ein Lächeln oder eine Handbewegung, um sich das (stillschweigende) Einverständnis des Abgebildeten zu holen, das er durchNicken oder Ähnliches ausdrücken kann. Der Fachterminus dafür heißt "konkludentes Verhalten". Ohne erkennbar "konkludentes Verhalten" sollte man vom Fotografieren Abstand nehmen, andernfalls kann es nicht nur in exotischen Ländern Ärger geben.
Bei Landschaftsaufnahmen droht solche Gefahr nicht. Hier fordert der Vordergrund Gestaltungsaktivität des Fotografen. Bild 1 ohne Boot im Vordergrund wäre schlichtweg langweilig.
Auf festem Boden verhilft oft nur ein kleiner Schritt zur Seite zu einem kompletten Austausch des Vordergrunds. Superweitwinkel sind heikles Brennweiten-Dynamit, schon kleine Fehler zeigen sich groß im Bild. Mit etwas Erfahrung gelingen jedoch expressive Fotos mit viel Dynamik, wie andere Brennweiten sie kaum herstellen können.
Eigentlich sind sehr kurze Weitwinkelobjektive für Architektur ungeeignet. Hier dominieren senkrechte und waagrechte Linien, die schon bei geringer Kameraneigung als stürzende Linien sichtbar werden. Im linken Bild wurde versucht, die rechte Seite halbwegs senkrecht am rechten Bildrand aus-
zurichten. Dadurch kippen die Sitzbänke, vor allem stürzt die linke Seite umso mehr. Im rechten Bild kam der beleuchtete Wohnturm nur durch Neigung nach oben voll ins Bild.
Folge: Kippen nach hinten.
Für Achitekturaufnahmen mit Superweitwinkel lautet die Faustregel: ungeneigte Kamera und Zentralperspektive. Falls das Gebäude nicht komplett auf das Bild kommt, muss der Standort entsprechend verändert werden.